Enzymtherapie im Vergleich mit Immunkomplex-Bestimmungen bei chronischer Polyarthritis
Steffen C.1, Smolen J.2, Miehlke K.3, Hörger I.4 und Menzel J.1
Institut für Immunologie1 und II. Univ.-Klinik für Innere Medizin2, Universität Wien; Rheumaklinik Wiesbaden3 und Rheumaklinik Bad Wiessee, BRD4
Z. Rheumatol.1985, Vol. 44, pp. 51-56
MU 4
Zusammenfassung
42 Patienten mit gesicherter chronischer Polyarthritis wurden mit einem Enzymgemisch
(Wobenzym®) für eine Zeitdauer von mindestens 6 Wochen behandelt. Die
Konzentration der zirkulierenden Immunkomplexe wurde mittels Solid-Phase C1q RIA in
wöchentlichen Intervallen untersucht. Zudem wurden die Rheumafaktoren neben anderen
relevanten Labor-Parametern routinemäßig bestimmt. Der Zustand der Patienten wurde
während und nach der Behandlung mit der Konzentration an zirkulierenden Immunkomplexen
verglichen. Nach der Enzymtherapie zeigten 26 (61,9% ) Patienten eine Besserung, bei 13
(30,9%) Patienten war keine Änderung des Krankheitszustandes zu verzeichnen und bei 3
(7,1%) Patienten verschlechterte sich der Zustand. Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet.
Bei Patienten ohne Immunkomplexe oder Patienten, die Immunkomplex-positiv waren und
während der Enzymbehandlung Immunkomplex-negativ wurden, trat im Vergleich mit Patienten,
die während der Behandlungsphase Immunkomplex-positiv blieben, öfters eine Besserung
ein.
Schlüsselwörter: Enzymtherapie der cP, Immunkomplexe bei cP, Wobenzym
bei cP, chron. Polyarthritis Enzymtherapie, chron. Polyarthritis Immunkomplexe
Einleitung
Eine orale Applikation von Enzymen wie Trypsin, Chymotrypsin oder Bromelin induzierte in der Behandlung von Thrombophlebitiden eine antiphlogistische Wirkung (3, 13, 16) und löste in anderen Fällen auch einen fibrinolytischen Effekt aus (4, 10). In weiterer Entwicklung dieser Enzymtherapie wurden auch Enzymgemische oral verabreicht und erwiesen sich bei der Behandlung von postthrombotischen und posttraumatischen Zuständen erfolgreich. Orientierende Studien zeigten nun, daß die orale Zufuhr von Enzymgemischen (Wobenzym®), sich auch bei chronischer Polyarthritis (cP) zu bewähren scheint (6). Experimentelle Untersuchungen über die Wirkung dieses Enzymgemisches lieferten eine Erklärung, warum diese Enzymgemische bei cP eine therapeutische Wirkung in Hinblick auf die bei cP vorkommenden pathogenetischen Einflüsse von Immunkomplexen entfallen könnten: Experimentell hergestellte Immunkomplexe wurden durch das Enzymgemisch in vitro dosisabhängig zerstört (24) und seine Verfütterung an Kaninchen reduzierte eine bei diesen Tieren experimentell ausgelöste Antigen-induzierte Arthritis in deutlichem Ausmaß (22).
Patienten und Methoden
Drei Gruppen von Patienten (A, B, C) mit cP, gemäß Kriterien der ARA, wurden nach
folgenden Richtlinien mit einem Enzymgemisch behandelt: Die Behandlung mit Gold oder
D-Penicillamin mußte wenigstens 3 Monate vor Beginn der Studie abgesetzt sein.
Nicht-steroidale Antirheumatika konnten, wenn unbedingt nötig, zusätzlich zu den Enzymen
verabreicht werden.
Als Enzymgemisch wurde Wobenzym® oral verabreicht, das pro 300 mg Dragee 100
mg Pankreatin, 60 mg Papain, 45 mg Bromelin, 10 mg Lipase, 10 mg Amylase, 24 mg Trypsin, 1
mg Chymotrypsin und 50 mg Rutin enthält.
Es wurde eine Dosis von 8 Dragees (2,4 g) 4 x täglich um 7, 12, 18 und 22 Uhr für eine
Dauer von mindestens 4 Wochen verabreicht. Im Verlauf der Therapie wurden übliche
Laboruntersuchungen wie z. B. Blutsenkung (BKS), komplettes Blutbild, Elektrophorese oder
Serumeisen durchgeführt. Zusätzlich wurden immunologische Untersuchungen wie
Rheumafaktorenbestimmungen (RF) mittels Latex- bzw. Waaler-Rose-Test sowie
Immunkomplexbestimmungen mittels eines Solid-Phase C1q RIA (12) durchgeführt.
Die Patientenseren für die immunologischen Untersuchungen wurden vor Beginn der Therapie
und 5, 10, 15, 20, 25 und 30 Tage später entnommen. Die Seren wurden bei Minus 20°
eingefroren und aufbewahrt, bis alle Blutproben eines gegebenen Patienten vollständig
vorhanden waren. Alle Proben wurden dann dem Immunologischen Institut übergeben und
gleichzeitig auf RF und zirkulierende immunkomplexe (CIC) untersucht.
Gruppe A umfaßt 11 cP-Patienten der Rheumaklinik Wiesbaden. Die
Beschreibung der Patienten und die Resultate der klinischen und immunologischen
Untersuchungen sind in Tabelle I wiedergegeben.
Gruppe B umfaßt 11 cP-Patienten der II. Medizinischen Univ. Klinik in
Wien. Die Beschreibung der Patienten und die Resultate der klinischen und immunologischen
Untersuchungen sind aus Tabelle 2 ersichtlich.
In Gruppe C sind 20 Patienten der Rheumaklinik Bad Wiessee
zusammengefaßt. Die Beschreibung der Patienten und die Resultate der klinischen und
immunologischen Untersuchungen sind aus Tabelle 3 zu ersehen.
Waaler Rose und Original Latex Tests wurden routinemäßig mit Titration des Endpunktes durchgeführt. Das Resultat jener Methode, die das stärkste positive Resultat bei Beginn der Untersuchung ergab, ist in den Tabellen angeführt. Der Solid Phase C1q RIA (12) wurde nach Standardisierung mit Tetanustoxoid-Antitoxinkomplexen durchgeführt. Die Resultate wurden in ng 125J-antihuman F(ab')2 von Kaninchen angegeben: Das ist die Menge an markiertem Anti F(ab')2, die sich an jene CIC bindet, die ihrerseits am C1q-Reagenz an der Röhrchenwand fixiert sind. Der Mittelwert +2 Standardabweichungen an ng 125J-anti-F(ab')2 einer Untersuchung von 55 Normalseren wurde als Grenzwert zwischen negativ und positiv bewertet [36 ng/ml 125J-anti-F(ab')2 pro Röhrchen]. In den Tabellen sind jene ng Antikörper als positiv angegeben, die nach Abzug dieses Grenzwertes verbleiben. Bereitung von C1q und Beladung der Röhrchen wurde wie bereits beschrieben (12), durchgeführt. 0,1 ml Patientenserum mit 0,2 ml einer 0,2 M EDTA Lösung verdünnt, wurden für 30 Minuten bei 37°C inkubiert. 50 ml dieser Lösung +1 ml 0,05%ige PBS Tween Lösung wurden in C1q beladene Polystyrolröhrchen pipetiert und 1 Stunde bei 37 °C, sowie 30 Minuten bei 4 °C inkubiert. Nach Waschung der Röhrchen mit PBS wurden 1 ml 125J-anti-F(ab')2 zugefügt, wieder 1 Stunde bei 37 °C, 30 Minuten bei 4 °C inkubiert. Nach gründlicher Waschung mit PBS wurde die am Röhrchen fixierte Radioaktivität bestimmt.
Tab. 1. Beschreibung der Patientengruppe A. Resultate der Immunkomplex- und Rheumafaktorenbestimmungen und Zustand nach Therapie
| Patienten | Alter Jahre |
ST | SKG | RF | Resultat der Immunokomplexbestimmung in ng 125J-antihuman F(ab`)2 an verschiedenen Tagen während der Behandlung (X) |
Zustand nach Therapie |
||||||||
| 1. | 5. | 10. | 15. | 20. | 25. | 30. | ||||||||
| 1.WI | F | 44 | IV | 10 | LX | 160 | 2 | 15 | 23 | Unverändert | ||||
| 2.MO | F | 36 | II | 17 | LX | 80 | 4 | 5 | 3 | neg. | Gebessert | |||
| 3. Li | F | 50 | IV | 30 | WR | 64 | 2 | 10 | neg. | Gebessert | ||||
| 4. ZO | F | 44 | II | 11 | LX | 80 | 5 | 22 | neg. | Gebessert | ||||
| 5.KOH | F | 25 | III | 125 | neg. | 4 | 5 | Unverändert | ||||||
| 6.KOP | F | 76 | II | 120 | LX | 20 | 27 | 12 | 8 | neg. | Gebessert | |||
| 7.REI | F | 49 | III | 14 | LX | 640 | 22 | 21 | 20 | 21 | 20 | Unverändert | ||
| 8.FRA | F | 40 | IV | 57 | LX | 640 | 48 | 16 | neg. | Gebessert | ||||
| 9.HO | F | 43 | III | 14 | WR | 64 | neg. | Gebessert | ||||||
| 10.BE | F | 37 | II | 73 | WR | 64 | neg. | Gebessert | ||||||
| 11.ME | F | 68 | III | 38 | neg. | neg. | Gebessert | |||||||
ST=Steinbrocker Stadien; SKG-/Erythrozyten Blutsenkung nach Westergren (l. Stunde); RF=Rheumafaktor, reziproker Wert des Endtiters; LX=Latextest; WR=Waaler Rose Test; (X)=Die Resultate der Immunkomplexbestimmung geben den ermittelten Wert an ng 125J-antihuman F(ab')2 abzüglich des Grenzwertes zwischen positiv und negativ an
Tab.2. Beschreibung der Patientengruppe B. Resultate der Immunkomplex- und Rheumafaktorenbestimmungen und Zustand nach Therapie
| Patienten | Alter Jahre |
ST | SKG | RF | Resultat der Immunokomplexbestimmung in ng 125J-antihuman F(ab`)2 an verschiedenen Tagen während der Behandlung (X) |
Zustand nach Therapie |
||||||||
| 1. | 5. | 10. | 15. | 20. | 25. | 30. | ||||||||
| 12.L | M | 37 | II/ III |
70 | LX | 640 | 26 | 20 | 12 | 6 | neg. | Unverändert | ||
| 13.G | F | 70 | IV | 112 | LX | 160 | 8 | 5 | 5 | neg | Verschlechtert | |||
| 14.KO | F | 73 | III/ IV |
66 | LX | 40 | 5 | 10 | neg | Gebessert | ||||
| 15.REI | F | 71 | III/ IV |
103 | LX | 640 | 18 | 22 | 6 | neg. | Gebessert | |||
| 16.RO | F | 54 | II | 41 | LX | 80 | 6 | 10 | neg | Gebessert | ||||
| 17.GL | F | 78 | IV | 80 | LX | 80 | 81 | 76 | 78 | 72 | 38 | Unverändert | ||
| 18.HE | F | 56 | IV | 82 | LX | 640 | 9 | 7 | 13 | 21 | 28 | Unverändert | ||
| 19.RU | F | 52 | II | 64 | LX | 40 | neg. | Verschlechtert | ||||||
| 20.BI | F | 43 | III | 64 | WR | 64 | neg. | Unverändert | ||||||
| 21.KU | F | 62 | IV | 25 | LX | 640 | neg. | Unverändert | ||||||
| 22.WEN | F | 41 | II | 54 | LX | 40 | neg. | Gebessert | ||||||
Resultate
Die Resultate der CIC- und RF-Bestimmungen aller drei Gruppen sind aus den Tabellen 1-3 ersichtlich. Das Verhältnis von CIC-positiven zu CIC-negativen Resultaten korrelierte in allen drei Gruppen. Von 42 cP-Seren waren 27 Seren (64,3 %) CIC-positiv, 15 Seren (35,7%) waren negativ. Die Ergebnisse der Wiederholungen der CIC-Bestimmungen waren in allen drei Gruppen ähnlich. Zwei Drittel der 27 positiven Seren wurden während der Therapie negativ, ein Drittel blieb positiv. (Tab. 5).
Tab. 3. Beschreibung der Patientengruppe C. Resultate der Immunkomplex- und Rheumafaktorenbestimmungen und Zustand nach Therapie
| Patienten | Alter Jahre |
ST | SKG | RF | Resultat der Immunokomplexbestimmung in ng 125J-antihuman F(ab`)2 an verschiedenen Tagen während der Behandlung (X) |
Zustand nach Therapie |
||||||||
| 1. | 5. | 10. | 15. | 20. | 25. | |||||||||
| 23.T | M | 47 | I/II | 28 | LX | 320 | 4 | 15 | 5 | neg | Gebessert | |||
| 24.B | M | 49 | I | 26 | WR | 64 | 7 | 5 | neg | Gebessert | ||||
| 25.WR | F | 29 | I/II | 35 | WR | 128 | 16 | 28 | 1 | neg | Gebessert | |||
| 26.WA | F | 43 | II/ III |
60 | WR | 64 | 5 | 17 | 2 | neg | Unverändert | |||
| 27.BR | F | 68 | II/ III |
76 | LX | 512 | 4 | neg. | neg | Unverändert | ||||
| 28.SCHA | M | 53 | I/II | 10 | neg. | 3 | 10 | 7 | neg | Gebessert | ||||
| 29.FI | M | 49 | I/II | 4 | neg. | neg. | 5 | neg | 4 | neg. | Gebessert | |||
| 30.SCHR | M | 41 | II | 151 | LX | 40 | 12 | 15 | 12 | 9 | 4 | neg. | Unverändert | |
| 31.SCHAE | M | 45 | II/ III |
120 | LX | 640 | 95 | 35 | 14 | 13 | 14 | 6 | Gebessert | |
| 32.HA | M | 69 | II | 73 | WR | 128 | 52 | 57 | 63 | 67 | 48 | Gebessert | ||
| 33.SCHU | F | 53 | II | 47 | WR | 64 | 16 | 18 | 29 | 27 | 18 | 16 | Verschlechtert | |
| 34.AL | F | 50 | I/II | 11 | LX | 40 | 4 | 6 | 10 | 18 | 8 | 10 | Gebessert | |
| 35.SCH | F | 79 | II | 22 | WR | 32 | neg. | Unverändert | ||||||
| 36.N | F | 61 | I/II | 70 | LX | 160 | neg. | Gebessert | ||||||
| 37.F | F | 55 | II/ III |
46 | LX | 640 | neg. | Gebessert | ||||||
| 38.PE | F | 66 | II/ III |
85 | LX | 640 | neg. | Gebessert | ||||||
| 39.FR | F | 32 | I/II | 31 | LX | 80 | neg. | Unverändert | ||||||
| 40.KU | F | 50 | II | 35 | LX | 320 | neg. | Gebessert | ||||||
| 41.GA | F | 61 | I/II | 21 | neg. | neg. | Gebessert | |||||||
| 42.GAR | F | 57 | I/II | 15 | neg. | neg. | Gebessert | |||||||
36 Seren waren RF-positiv, 6 RF-negativ. Das Verhältnis zwischen dem Auftreten von RF und CIC in den Seren war ebenfalls in allen Gruppen ähnlich. Von 27 CIC-positiven Seren hatten 24 Seren Rheumafaktoren, von 15 CIC-negativen Seren hatten 12 RF (Tab. 5).
Tab. 4. Erfolg der Enzymtherapie
| Fälle | Zustand nach Therapie |
| 42 | 26 (61,9%) Gebessert |
| 13 (30,9%) Unverändert | |
| 3 (7,1%) Verschlechtert |
Tab. 5. Relation zwischen Änderung der CIC Resultate und Zustand nach Therapie
| CIC Resultate bei allen Fällen |
Zustand nach Therapie | ||
| 27 CIC positiv (24RA+, 3RA-) |
18 Rückgang auf negativen Befund |
13 (48,1%) Gebessert 4 (14,8%) Unverändert 1 (3,7%) Verschlechtert |
|
| (= 100%) | |||
| 9 | 3 (11,1%) Gebessert | ||
42 |
Verbleibend | 5 (18,5%) Unverändert | |
| positiv | 1 (3,7%) Verschlechtert | ||
| 15 CIC negativ | 10 (66,6%) Gebessert | ||
| (12 RA+, 3 RA-) | 4 (26,6%) Unverändert | ||
| 1 (6,6%) Verschlechtert | |||
| (= 100%) |
Die Beziehung zwischen dem klinischen Zustand der Patienten nach der Behandlung und dem
Vorkommen sowie der Veränderung der Menge an CIC ist in den Tabellen 4 und 5 dargestellt.
Von 42 cP-Patienten konnte nach Enzymtherapie eine Besserung bei 26 Paienten beobachtet
werden (61,9 %), bei 13 Patienten blieb der Zustand unverändert (30,9% ) und 3 Patienten
zeigten eine Verschlechterung (7,1 %).
Die klinische Bedeutung "gebessert, unverändert, verschlechtert" wurde nach
ärztlicher Beobachtung und Untersuchung, der Angabe der Patienten sowie auf Grund von
BKS, RF-Bestimmung, Elektrophorese, Morgensteifigkeit, Schmerz, Gelenkschwellung und
Griffstärke, Beugung der erkrankten Gelenke ermittelt. Der ärztliche Befund wurde
entsprechend der ARA Kriterien von zumindest 2 Untersuchern unabhängig voneinander
erhoben und dann verglichen.
Ein deutlicher Unterschied in dem Zustand nach Enzymtherapie besteht zwischen
CIC-positiven Patienten, die negativ wurden, und CIC-positiven Patienten, die positiv
blieben (Tab. 5), insgesamt 27 Fälle ( = 100% ). Bei CIC-positiven Patienten, die negativ
wurden, trat bei 13 Patienten (48,1 %) eine Besserung ein, 4 Patienten (14,8%) blieben
unverändert und 1 Patient (3,7%) zeigte eine Verschlechterung seines Zustands. Von 9
Patienten, die CIC positiv blieben, besserten sich 3 (11,1 %), 5 blieben unverändert
(18,5 %) und 1 Patient (3,7%) wies eine Verschlechterung auf. Noch deutlicher wird die
Zahl der gebesserten Fälle, wenn man die klinische Bewertung der 15 CIC-negativen
Patienten in Betracht zieht. Hier wurde bei 10 Fällen (66,6%) eine Besserung beobachtet
(Tab. 5). Die schlechtere Besserungsquote war bei CIC-positiven Patienten, die bei der
Behandlung positiv blieben, zu beobachten.
Das Ergebnis der Immunkomplexbestimmungen wie der klinische Schlußbefund nach Abschluß
der Enzymtherapie waren in den drei regional auseinanderliegenden Gruppen ziemlich
übereinstimmend. Tabelle 1 zeigt die Ergebnisse bei Gruppe A. Bei den Patienten 4 und 9
mußte eine Goldtherapie, bei Patient 11 D-Penicillamin, bei den Patienten 3, 8, 7, 10
Cortison, bei den Patienten 5, 6 Colfarit und bei Patient 2 Berufen vor Beginn der
Enzymtherapie abgesetzt werden.
In Tabelle 2 sind die Ergebnisse der Gruppe B zusammengefaßt. Bei 4 Patienten wurde die
Enzymbehandlung ohne Zusatz von antiphlogistischen Mitteln durchgeführt, während die
übrigen Patienten nichtsteroidale Antirheumatika (NSAID) erhielten. Bei 2 der Patienten
ohne NSAID war eine Besserung festzustellen.
Die höchste Zahl der gebesserten Patienten wurde in Gruppe C beobachtet. In dieser Gruppe
befand sich jedoch der überwiegende Teil der Patienten mit Steinbrocker Stadium I/II (10
Patienten), die mit einer Ausnahme nach der Enzymtherapie eine deutliche Besserung
ausweisen (Tab. 3).
Diskussion
Eine antiphlogistische sowie fibrinolytische Wirkung therapeutisch verabreichter proteolytischer Enzyme wurde zuerst bekannt. Nachdem für Trypsin ein antiphlogistischer Effekt in der Behandlung von Thrombophlebitiden bewiesen worden ist (16), wurde eine antiphlogistische Wirkung auch für Chymotrypsin, Bromelin und andere Proteasen nachgewiesen (3, 13). Weitere Untersuchungen zeigten, daß Enzyme auch eine fibrinolytische Aktivität besitzen (4, 10). Ein Enzymgemisch, wie es in der vorliegenden Untersuchung verwendet wird, ist in oraler Applikation mit gutem Erfolg beim postthrombotischen Syndrom, bei posttraumatischen Zuständen sowie zur Behandlung von Erkrankungen der venösen Blutgefäße eingesetzt worden (1, 9, 29). Bei der Diskussion über den therapeutischen Erfolg oral applizierter Enzyme werden immer zwei Fragen gestellt:
Die intestinale Resorption oral applizierter Enzyme, konnte durch verschiedene
Untersuchungen (15, 21-23) bewiesen werden. Eine der häufigsten Prüfungen zur
Beantwortung dieser Frage bestand darin, ein bestimmtes Enzym zu verfüttern und seine
enzymatische Aktivität im Serum gegenüber seinem spezifischen Substrat zu bestimmen. Ein
Erfolg dieser Versuchsanordnung wurde dahingehend interpretiert, daß ein Nachweis der
enzymatischen Aktivität im Serum die Resorption des oral applizierten Enzyms voraussetzt
(7, 14), da diese enzymatische Wirkung üblicherweise im Serum nicht feststellbar ist.
Diese Beobachtungen wurden durch Berichte ergänzt, daß Proteine nicht nur in
degradierter Form bzw. in Bruchstücken sondern auch in großmolekularer, biologisch
aktiver Form aus dem Magen-Darmtrakt in Lymphe und Blut gelangen können (19, 20, 27, 28).
In weiteren Tierversuchen wurden radioaktiv markierte Enzyme verfüttert und anschließend
daran die Radioaktivität im Blut und in den Geweben bestimmt. Da man bei einem Nachweis
der Radioaktivität daran denken müßte, daß radioaktiv markierte Spaltprodukte und
keine kompletten Makromoleküle durch diesen Nachweis erfaßt würden, wurde eine
Molekulargewicht nachweisende Radiochromatographie mittels Sephadex G 25 im Blut und
Lymphe der Versuchstiere durchgeführt. Dabei zeigte es sich, daß es sich bei den
resorbierten Substanzen nicht um radioaktive Spaltprodukte der verfütterten Enzyme (14,
23, 25, 26) handelt, sondern um Makromoleküle.
Die zweite, eingangs gestellte Frage betrifft die Hemmung von unverändert resorbierten
Enzymen durch Plasmainhibitoren wie a2-Makroglobulin
oder al-Antitrypsin.
a2-Makroglobulin bildet als Inhibitor Komplexe mit
verschiedenen Proteinasen, wobei die Reaktion proteolytischer Enzyme mit a2-Makroglobulin eine Konformationsänderung des
Enzymmoleküls mit einer räumlichen Verzerrung der Proteinasestruktur bewirkt. Neuere
Versuche zeigten jedoch, daß eine an a2-Makroglobulin
gebundene Proteinase ihre enzymatische Aktivität trotz der Gegenwart anderer
Plasmaproteinase-Inhibitoren beibehält. Die Erhaltung der Enzymwirkung soll sich
allerdings nur auf enzymatische Substrate mit niederem Molekulargewicht beschränken (5).
Diese Beobachtungen werden dahingehend interpretiert, daß a2-Makroglobulin
in seiner Bindung an Enzyme die proteolytische Aktivität dieser Enzyme nur verändert und
nicht völlig aufhebt (2).
Faßt man diese Untersuchungsergebnisse zusammen, dann weisen sie darauf hin, daß eine
Resorption oral verabreichter Enzyme oder Enzymgemische unter Beibehaltung ihrer
spezifischen Aktivität möglich ist, und daß der Einfluß von Plasmainhibitoren auf
diese Enzyme eher als Abwandlung der spezifischen Aktivität und nicht als totale
Inhibition angesehen werden kann. Falls eine spezifische Enzymaktivität in Gegenwart von
Inhibitoren nachgewiesen werden kann, ist allerdings auch das Reaktionsgleichgewicht
zwischen Enzym und Inhibitor in Betracht zu ziehen und daran zu denken, ob nicht ein
deutlicher Überschuß an Enzym diesen Befund herbeiführen könnte.
Da Immunkomplexe von pathogenetischer Bedeutung für die cP sind, besteht Interesse im
Rahmen einer Therapie derartige Immunkomplexe aus dem Blutkreislauf oder dem Gewebe des
Patienten zu eliminieren. Plasmapherese ist eine der Methoden, um dieses Ziel zu
erreichen. Eine weitere Möglichkeit bietet die Enzymtherapie. Experimentell hergestellte
Immunkomplexe von verschiedener Größe und Zusammensetzung konnten durch Enzymgemische
dosisabhängig abgebaut werden (24). Es konnte außerdem festgestellt werden, daß die
Spaltung der Immunkomplexe durch das Enzymgemisch wirkungsvoller erfolgt als durch die
einzelnen Enzyme dieser Mischung (24). Bei in-vivo durchgeführten Untersuchungen zeigte
es sich auch, daß das oral applizierte Enzymgemisch eine deutliche Abschwächung der
experimentellen Antigen-induzierten Arthritis herbeiführt (22).
Alle diese Berichte der Literatur wie die Ergebnisse der experimentellen Untersuchungen
und die Beobachtungen von günstigen therapeutischen Wirkungen der Enzymtherapie bei
Gefäßverschlüssen und posttraumatischen Zuständen sowie orientierende Angaben über
eine vorteilhafte Auswirkung auf die cP (6) motivierten zu einer eingehenden Untersuchung
dieser Therapie bei cP in Verbindung mit der Untersuchung von CIC.
Die Bewertung des klinischen Zustands nach Enzymtherapie wurde wie bereits beschrieben
nach umfangreichen klinischen Gesichtspunkten und ARA-Kriterien getroffen. Das Verhältnis
des klinischen Zustands vor und nach der Behandlung mit Enzymen war in den drei
Patientengruppen ähnlich, mit der einzigen Ausnahme, daß bei Gruppe C eine etwas höhere
Besserungsquote als bei den Gruppen A und B beobachtet wurde. Dies könnte der größeren
Zahl von weniger schweren Fällen mit Steinbrocker Stadien I oder II in dieser Gruppe
zuzuschreiben sein. Diese Überlegung würde auch mit den Ergebnissen in den Gruppen A und
B übereinstimmen. Hier kam es bei den Patienten mit Stadium I oder II etwas häufiger zu
einer Besserung nach Enzymtherapie als bei schwereren Fällen. Die Zusammenfassung aller
Gruppen zeigt jedenfalls, daß eine Besserung des Krankheitsbildes häufig bei Patienten
mit Stadien I oder II eintrat. Ein unveränderter Zustand oder sogar eine Verschlechterung
der Krankheit war öfters in den Stadien III oder IV zu verzeichnen.
Ein Vergleich zwischen dem Erfolg der Enzymtherapie und dem RF-Titer zeigte keine
signifikante Korrelation. Eine Korrelation jedoch konnte zwischen dem klinischen Zustand
nach der Behandlung und der Konzentration an CIC im Blut beobachtet werden. CIC-positive
Patienten zeigten im Vergleich mit CIC-negativen Patienten eine weniger ausgeprägte
Besserung und des öfteren einen unveränderten Krankheitszustand. Diese Relation wird
sogar deutlicher, wenn man den Zustand nach der Behandlung mit dem Verschwinden oder dem
weiteren Vorkommen von CIC in ursprünglich CIC-positiven Patienten vergleicht. Das
Krankheitsbild der Patienten, die von CIC-positiv auf CIC-negativ übergingen, besserte
sich sichtlich besser während der Behandlung als bei Patienten, die CIC-positiv blieben.
Toxische Nebenwirkungen werden bei den meisten medikamentösen Behandlungsmethoden der cP
angegeben. Die Patienten der vorliegenden Studie wurden bezüglich Nebenwirkungen der
Enzymtherapie strengstens überwacht. Mit der Ausnahme vom gelegentlichen Auftreten
umfangreicher Stühle wurden keine Nebenwirkungen beobachtet.
Neuere Untersuchungen über die Verwendbarkeit verschiedener Methoden zur
Immunkomplexbestimmung zeigten, daß sich der C1q-Test am besten zur Unterscheidung
zwischen cP-Patienten und Kontrollpersonen eignet (8, 11). Der Solid-Phase-C1q RIA,
standardisiert mit Tetanustoxoid-Antitoxin Komplexen (12), wurde auf Grund dieser
Ergebnisse und eigener guter Erfahrungen bei der vorliegenden Untersuchung verwendet.
Die Grenze zwischen CIC-negativ und positiv zu bewertenden Resultaten ergab sich aus dem
Mittelwert - +zweifacher Standardabweichung an ng 125J-Antihuman F (ab')2
, der bei der Untersuchung von 55 Seren gesunder Personen (12) ermittelt wurde (36 ng/ml
pro Röhrchen). Kontrollseren, die auf diese Werte eingestellt worden waren, wurden bei
jeder Testserie mit untersucht. Der Prozentsatz CIC-positiver Ergebnisse bei cP-Seren
variiert mit verschiedenen Methoden (11) und liegt bei dem C1q-Test im Bereich von 48-87%
(11, 17, 18). Der Nachweis von CIC bei cP mittels C1q-Test korreliert mit erhöhter
Krankheitsaktivität (11, 18), auch soll eine Korrelation mit erhöhter Senkung und
Anti-IgG Titern bestehen (11). Von den hier untersuchten Seren hatten 64% CIC, ein Wert,
der sich in die Angaben anderer Autoren gut einfügt. Auch hier waren positive Resultate
in größerer Menge bei Fällen mit schwererem Krankheitsbild zu beobachten. Von 42
cP-Fällen hatten 13 Patienten in den Stadien I oder II und 14 Patienten in den Stadien
III oder IV CIC im Serum nachweisbar, das ergibt bei 22 Fällen im Stadium I und/oder II
59% CIC-positive Resultate und bei 20 Patienten im Stadium III und/oder IV 70%.
Es wird allgemein akzeptiert, daß Immunkomplexe eine pathogene Rolle bei der Entstehung
der cP sowie anderer Immunkomplexkrankheiten, z. B. LE oder Glomerulonephritis, spielen.
Eine Elimination dieser Immunkomplexe sollte daher zumindest eine der kausalen Maßnahmen
zur Besserung des Krankheitsgeschehens sein. Versuche in dieser Richtung wurden bereits
durch Anwendung der Plasmapherese unternommen. Im Verlauf von In-Vitro und
In-Vivo-Experimenten konnte für bereits therapeutisch eingesetzte Enzymgemische eine
deutliche Immunkomplex abbauende Wirkung nachgewiesen werden.
Orientierende klinische Beobachtungen (6) wie auch diese bei einer begrenzten
Patientenzahl durchgeführte multizentrische offene Studie weisen auf einen cP bessernden
Effekt einer Enzymtherapie hin, der sich in den Bereich der Therapieerfolge anderer
Antirheumatika einfügt. Als Vorteil wäre das Fehlen von Nebenwirkungen zu erwähnen. Die
Notwendigkeit einer Suche nach neuen und möglichst kausal ansetzenden
Behandlungsmöglichkeiten der cP sollte auf Grund dieser ersten günstigen und
orientierenden Ergebnisse zur Durchführung von weiteren kontrollierten Studien und einer
breit aufgefächerten Erprobung der Enzymtherapie bei cP stimulieren.
Den in der experimentellen Rheumaforschung erzielten Ergebnissen entsprechen die
Ergebnisse dieser Untersuchung insofern, daß durch die Enzymtherapie CIC im Blut
vermindert oder ganz zum Verschwinden gebracht wurden und daß sich eine Besserung im
Zustand der Patienten wesentlich deutlicher dort manifestierte, wo CIC-positive Fälle bei
laufender Behandlung CIC-negativ wurden. Zu diesem Verhalten paßt auch die Beobachtung,
daß Patienten mit CIC ein schwereres Krankheitsbild zeigten.
Literatur