Immunkomplexerkrankungen: Pathogenese und Therapie
Inderst R., Streichhan P., Schaik W., Ransberger K.
Der Kassenarzt 1987, Vol. 27, Heft 32, pp. 28-41
SO 15 (3-05-3)
Zusammenfassung: Bei verschiedenen Erkrankungen, für die schubartige
Verläufe kennzeichnend sind, lassen sich Immunkomplexe wechselnder Höhe feststellen.
Häufig gelingt es, die Höhe der IK-Spiegel mit den klinischen Symptomen und dem
Schubgeschehen zu korrelieren. Zu diesen IK-bedingten Krankheiten zählen insbesondere
Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises, bestimmte Formen der Glomerulonephritis,
verschiedene Erkrankungen im Magen-Darm-Trakt (Morbus Crohn, Colitis ulcerosa), die
Pankreatitis und Hepatitis, ferner Erkrankungen im Bereich des zentralen Nervensystems
(multiple Sklerose) und verschiedene Tumoren. Als therapeutische Maßnahmen kommen bei
diesen Erkrankungen neben der Behandlung mit Basistherapeutika, Immunsuppressiva sowie
Kortikosteroiden physikalische IK-Eliminationsverfahren in Betracht. Diesen aufwendigen,
risikoreichen und mit Nebenwirkungen belasteten Behandlungen steht die systemische
Enzymtherapie gegenüber. Durch sie werden ebenfalls Immunaggregate abgebaut, die in
präzipitierter Form das pathogene Agens darstellen.
Die auf Grund exzessiver oder verlängerter Immunantworten bzw. als Folge verminderter
Clearance-Prozesse im Körper persistierenden Immunkomplexe (IK) sind das pathogene Agens
der IK-Erkrankungen. Die primär gewebefixierten oder humoral zirkulierenden, sekundär an
den Gefäßwänden sedimentierenden oder in der Endstrombahn prädisponierter Organsysteme
präzipitierenden Immunaggregate haben thrombogene und komplementaktivierende
Eigenschaften.
Sie verursachen Plättchenaggregationen, induzieren Fibringerinnungsprozesse und lösen
Entzündungsvorgänge mit Gewebsläsionen aus. In der Anfangsphase intensivieren die
IK-Verbindungen die Phagozytose der Zellen des Retikuloendothelialsystems (RES) und
steigern dadurch ihre Elimination. Gelingt es den Freßzellen nicht, die sedimentierenden
IK-Makromoleküle intrazellulär aufzunehmen und abzubauen oder werden die Makrophagen
infolge des Überangebots von IK-Aggregaten eines Typs in ihrer Funktion blokkiert, so
kommt es durch die fortgesetzte Aktivierung der Komplementkaskade zu chronischen
Entzündungen und bleibenden Gewebsläsionen.
Kennzeichnend für die auf Immunaggregate zurückgehenden Entzündungserkrankungen ist,
daß ihnen ein einheitlicher pathogener Mechanismus zugrunde liegt, ihre Ätiologie von
der Herkunft und den Eigenschaften der Antigene (Ag), der Antikörper (Ak) sowie dem
Mengenverhältnis Ag : Ak bestimmt wird, das pathogene Agens sich als gewebefixierte
und/oder zirkulierende Verbindung im Entzündungsareal bzw. Serum nachweisen läßt.
Auf Grund dieser Kriterien werden die in der Übersicht (Tab. 1) zusammengestellten
Krankheiten von der WHO als IK-Krankheiten angesehen.
Bei den IK-assoziierten Krankheiten werden Ag-Ak-Komplexe häufiger – aber nicht
regelmäßig – angetroffen. Angenommen wird, daß Immunaggregate diese
Gesundheitsstörungen mitverursachen. Zu ihnen zählen die Arteriosklerose, der
Herzinfarkt, die Zerebralsklerose, die Alzheimer-Krankheit u. a.
Die herkömmliche Behandlung der in den klinischen Symptomen heterogenen, häufig
schubartig und progredient verlaufenden IK-Erkrankungen erfolgt mit sehr unterschiedlichen
Medikamenten und therapeutischen Maßnahmen. Neben nichtsteroidalen Antirheumatika,
Glukokortikosteroiden, Immunsuppressiva, Zytostatika und Basismedikamenten – z. B.
Goldsalze, D-Penicillamin, Antimalariamittel, Azathioprin, Methotrexat, Chlorambucil,
Salizylate, Indometacin u. a. – kommen physikalische Verfahren auf der Basis der
Membranplasmaseparation (MPS) sowie enzymtherapeutische Behandlungsmethoden zum Einsatz.
Wie diese medikamentösen und physikalischen Therapien bei IK-Erkrankungen wirken, was sie
leisten, ist nach der Behandlung der pathogenen IK-Wirkmechanismen Gegenstand des zweiten
Teils dieses Aufsatzes. Dabei stehen die MPS-Verfahren und die systemische Enzymtherapie
im Vordergrund, weil mit beiden Behandlungsformen direkt IK-Verbindungen eliminiert
werden.
| Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises |
| rheumatoide Arthritis |
| systemischer Lupus erythematodes |
| Sjögrens Syndrom |
| mixed connective tissue disease |
| Periarteriitis nodosa |
| Felty-Syndrom |
| M. Bechterew |
| M. Reiter |
| Infektionen |
| Virale Infektionen: |
| Hepatitis B |
| Cytomegalie |
| Mononukleose |
| subakute |
| sklerosierende |
| Panenzephalitis |
| bakterielle Infektionen: |
| infektiöse Endokarditis |
| Meningokokken |
| disseminierende Gonorrhoe |
| Streptokokken |
| Syphilis |
| Parasitosen: |
| Malaria |
| Schistosomiasis |
| Toxoplasmosis |
| Trypanosomiasis |
| Glomerulonephritis |
| neoplastische Erkrankungen |
| sonstige Erkrankungen |
| M. Crohn |
| Colitis ulcerosa |
| idiopathische interstitielle |
| Pneumonie |
| zystische Fibrose |
| multiple Sklerose |
| trombothisch trombozytopenische Purpura |
| Behcet-Syndrom |
| Churg-Strauss-Syndrom |
| chronische Lebererkrankungen |
Tab.1: Immunkomplexerkrankungen mit zirkulierenden und/oder gewebefixierten Antigen-Antikörper-Komplexen (nach KRAPF und KALDEN, 1983)
Enzymtherapie
Dem Ziel jeder medikamentösen Therapie, dem Ideal ärztlichen Handelns, möglichst
ursächlich zu wirken, ohne schädigende Nebeneffekte auszulösen, entspricht bei
verschiedenen IK-Erkrankungen die aus der Erfahrungsheilkunde hervorgegangene systemische
Enzymtherapie mit Wobe-Mugos®, Mulsal® und Wobenzym®.
Wie STEFFEN et a1. (1983, 1985) zeigten, werden lösliche Immunkomplexe im Ag-bzw.
Ak-Überschuß von Wobenzym®oder Mulsal®-Lösungen
unterschiedlicher Konzentration dosisabhängig zerstört (Abb. 3). Zwischen Wobenzym®
und Mulsal® bestehen keine wesentlichen Wirkungsunterschiede hinsichtlich der
Spaltung von Immunaggregaten. Dabei ist die Wirkung dieser Kombinationspräparate aus 100
mg Pankreatin, 60 mg Papain, 45 mg Bromelain, 20 mg Trypsin, 1 mg Chymotrypsin, 10 mg
Lipase und 10 mg Amylase mit oder ohne 50 mg Rutin deutlich höher als die von
Monoenzympräparaten.
In einer multizentrischen Feldstudie behandelte HÖRGER IK-bedingte rheumatoide
Arthritiden mit nur täglich dreimal drei Dragees Mulsal®. Bei 238 Patienten
wurden in Wochenabständen die Parameter Ruhe-, Belastungs- und Druckschmerz,
Morgensteifigkeit sowie Funktionseinschränkung gemessen (Abb. 4). Als Scoresumme bildeten
die Parameter die Basis für die Therapiebewertung durch den Arzt sowie den Patienten bzw.
die Therapieverträglichkeit (Tab. 5):
Der Behandlungserfolg bei der chronischen Polyarthritis (CP) ist mit einem Abbau von
Ag-Ak-Komplexen verbunden, wie die Befunde der multizentrischen Studie von STEFFEN et a1.
(1985) zeigen. Von 42 CP-Patienten des Steinbrocker-Stadiums 2,46 ± 0,89 hatten 64,3
Prozent zirkulierende Immunkomplexe (CIC). Nach vierwöchiger Therapie mit täglich
viermal acht Dragees Wobenzym® werden 18 Patienten CIC-negativ. Das ging mit
einer auffälligen Verbesserung des CP-Leidens einher (Tab. 6). Bei den CIC-positiv
verbliebenen Patienten betrug die Zustandsverbesserung 33 Prozent, bei negativ gewordenen
72 Prozent. Bei 15 Patienten, die zu Behandlungsbeginn CIC-negativ waren und negativ
blieben, betrug die Besserungsrate 67 Prozent.
Manche Patienten sprechen nicht auf die Enzymtherapie an. Die Zahl der Non-responder-Rate
bei CP und anderen IK-Erkrankungen liegt bei 20 bis 40 Prozent. Nach SMOLEN (1986) und
KLEIN (1986) entspricht diese therapeutische Erfolgsrate der systemischen Enzymtherapie
derjenigen bei oraler Goldbehandlung.
Der frühzeitigere Wirkungseintritt bei Mulsal® und Wobenzym®
sowie das Fehlen toxischer Nebenwirkungen (nur 5 Prozent der Patienten zeigen durch
temporäre Dosisreduktion behebbare Stuhlveränderungen, Magenbeschwerden, Brechreiz)
stellen gegenüber herkömmlich bei CP-Erkrankungen verwendeten Medikamenten einen nicht
zu unterschätzenden Vorteil dar.
Die multiple Sklerose (MS), an der in der Bundesrepublik Deutschland 50 000 bis 100 000
Menschen erkrankt sind, ist ein auf Immunaggregate zurückgehendes Nervenleiden. Die
Krankheit entsteht durch Bindung spezifischer Immunglobuline an das Myelin. Als
Folgereaktion kommt es zur Aktivierung der Komplementkaskade, der Auslösung
entzündlicher Prozesse sowie zu zellulären Infiltrationen. Dieses lokale Geschehen
führt zu herdförmigen Demyelinisierungen und zu Störungen der nervösen Koordination.
Insbesondere während der Schubphasen lassen sich im Serum bei über 80 Prozent der
Patienten zirkulierende IK-Verbindungen und stark erhöhte IK-Titer nachweisen (Abb. 5).
Mit systemischen enzymtherapeutischen Maßnahmen, der intramuskulären Injektion von
Wobe-Mugos® und oraler Applikation von Wobenzym® sowie
Vitamin-Emulsionspräparaten (A-Mulsin®, E-Mulsin®) läßt sich
nicht nur symptomatisch, sondern auch kausal das Krankheitsgeschehen positiv beeinflussen
(NEUHOFER, 1986):
Die enzymtherapeutische Behandlung der MS besteht aus zwei Abschnitten. In der
Anfangsphase erhalten die Patienten intramuskulär täglich zwei Ampullen Wobe-Mugos®.
Treten erste symptomatische Verbesserungen ein, so wird die Injektionsbehandlung auf zwei
Ampullen in Zwei- bzw. Dreitagesabständen und immer länger werdenden Intervallen
reduziert. An den injektionsfreien Tagen erhalten die Patienten zuerst dreimal zehn,
später dreimal fünf und letztlich dreimal drei Dragees Wobenzym®. Mit dieser
Therapie gelingt es, den Spiegel zirkulierender Immunkomplexe während
aufeinanderfolgender Schübe sowie in den schubfreien Phasen langsam zu senken (Abb. 6).
In Belastungssituationen (Reise, Erkältung etc.), die nicht unmittelbar mit der MS
zusammenhängen, sich aber auf diese auswirken, empfiehlt sich eine intermittierende
zweitägige Stoßtherapie mit jeweils zwei Ampullen WobeMugos® pro die.
Herpes zoster ist eine viral bedingte IK-Erkrankung infolge Zweitkontakts mit
Varicella-Zoster-Viren. Er ist ein Indiz für eine gestörte Immunabwehr und tritt
besonders häufig bei malignen Krebserkrankungen auf. Sofern die Therapie rechtzeitig
begonnen wird, wird das Krankheitsgeschehen sehr effizient mit Wobenzym®
beherrscht (BARTSCH, 1974). Durch intramuskuläre Applikation von zwei Ampullen Wobe-Mugos®
wird ein Ausbrechen weiterer Hauteffloreszenzen vermieden und eine schnelle Linderung der
Schmerzen erreicht. Nach SCHEEF (1986) wird durch die Enzymtherapie langzeitig das
Auftreten von Post-Zoster-Neuralgien zuverlässig verhindert.
KLEINE (1987) untersuchte in einer Pilotstudie an zehn Patienten mit ein bis drei Tage
alten Zostersymptomen den Beginn der Krustenbildung, deren Abheilung sowie den
Schmerzverlauf über 14 Tage. Dabei behandelte er die Patienten in den ersten beiden Tagen
mit zweimal einer Ampulle und drei bis vier magensaftresistenten Tabletten Wobe-Mugos®
täglich sowie temporär mit einem Antiphlogistikum. Wie der Darstellung (Abb. 7) zu
entnehmen ist, setzt die Krustenbildung durchschnittlich nach 3,0 ± 0,9 Tagen Behandlung
ein. Die Krustenabheilung erfolgte nach 11,0 ± 3,2 Tagen Behandlung. Der Schmerz-Score
verändert sich von 2,2 ± 0,9 zu Beginn der Behandlung auf 0,7 ± 0,8 am siebten bzw. 0,2
± 0,6 am 14. Behandlungstag.
Sieht man von einer leichten spontan abklingenden Schmerzhaftigkeit nach den Injektionen
ab, so war die Verträglichkeit der Behandlung sehr gut.
Die Wirkung der bei IK-Erkrankungen verwendeten Enzymkombinationspräparate beruht darauf,
daß die verschiedenen Tier- und Pflanzenhydrolasen Immunpräzipitate spalten, Fibrin
depolymerisieren, den bei zytolytischen Vorgängen anfallenden Zelldetritus zerstören und
die auf Ag-Ak-Komplexe im Überangebot zurückgehende Hemmung der Phagozytose der
RES-Zellen beseitigen. Hinzu kommen spezifische und unspezifische immunstimulatorische
Effekte. Das im Wobenzym® enthaltene Rutin verhindert das geldrollenartige
Verkleben der Erythrozyten und hat antiödematöse Eigenschaften, indem es die
Permeabilität der Endstrombahngefäße mindert. Das Thymushydrolysat des Wobe-Mugos®
hat einen immunmodulierenden Einfluß auf die T-Lymphozyten.
Indem die Hydrolasen die Quervernetzungen (Cross linkage) in Fibringerinnseln lösen und
die polymerisierten Fibrinfasern spalten (vgl. WERK, 1975; GUGGENBICHLER, 1986; BAYERLE,
persönl. Mitteilg.), wird die Fibrinummantelung der Immunaggregate entfernt. Aus der
Steigerung der fibrinolytischen Potenz des Serums resultiert die Herabsetzung der
IK-induzierten Bildung von Mikrothromben. Darauf gehen rheologische Verbesserungen zurück
(vgl. WOLF und RANSBERGER, 1970; GRAHAM, 1980).
Durch die Bildung von Immunkomplexen erfahren die Immunglobuline konformative
Veränderungen (SEDLACZEK, 1980). Dadurch wird die in vitro beobachtete IK-spaltende
Wirkung von Enzymen auch in vivo möglich (vgl. STEFFEN, 1985). Indem die IK-Aggregate im
Bereich der Ak-Gelenkregion, einer Sollbruchstelle, von Papain, Bromelain, Pankreatin u.
a. Enzymen angegriffen werden, zerfallen große Immunaggregate in zahlreiche kleinere
Komplexe, die am Ende in Ag-Fab-Fragmente und Fc-Teile gespalten werden.
Die Bruchstücke der pathogenen Immunpräzipitate, die Ag-Fab-Fragmente, beginnen erneut
zu zirkulieren, haben aber wegen des Fehlens der Fc-Teile primär keine
komplementaktivierenden, phlogogenen Eigenschaften. Potentiell können solche Ag-haltigen
IK-Fragmente aber die Antigene einer neuen spezifischen Immunantwort sein.
Auf Grund des Fehlens der Fc-Stücke können IK-Reste nicht mit den Immunozyten
interagieren und die immunozytären Vorgänge beeinflussen (vgl. ROSSEN, 1982). Umgekehrt
gilt, daß die mit den B- und T-Lymphozyten sowie den Makrophagen verbundenen, deren
Aktivität hemmenden Immunaggregate, durch hydrolytische Enzyme abgespalten werden
können, so daß die Immunantworten und IK-Clearance-Prozesse optimiert werden.
Das Thymus-Hydrolysat des WobeMugos® moduliert die zelluläre und humorale
Immunabwehr. Die Zahl der T-Lymphozyten, die z. B. durch die Behandlung mit
Immunsuppressiva reduziert wurde, steigt wieder an. Diese Effekte im T-System wirken sich
günstig auf die Reaktivität der B-Lymphozyten und die Ak-Synthese aus.
Rutin hemmt – wie erwähnt – die spontane Neigung der Erytrozyten, “Geldrollen” zu
bilden. Ferner wird durch das Flavonoid die Haftfähigkeit dieser Aggregate
beeinträchtigt und die Elastizität der roten Blutkörperchen verbessert
(SCHMIDT-SCHÖNLEIN, 1978). Auf der Reduktion der Zahl der interendothelialen Lücken
beruht der antiödematöse Effekt des Rutins.
Anders als die zur Zeit verwendeten Basistherapeutika, die nichtsteroidalen Antirheumatika
und die Kortikosteroide, haben Multienzympräparate keine schädigenden Nebenwirkungen.
Mit physikalischen Immunsuppressionsverfahren sind enzymtherapeutische Behandlungen
problemlos kombinierbar.